AUSZUG AUS:

Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 7/2005

Rauchen oder Gesundheit?
Klaus-Dieter Kolenda

  Aktuelle Daten über die Tabakepidemie


 

Einleitung
Unter den zehn wichtigsten Risikofaktoren für die Krankheitslast in den westlichen Industrieländern steht der Tabakkonsum vor Bluthochdruck, Alkoholkonsum, ernährungsabhängigen Risikofaktoren wie Hypercholesterinämie, Übergewicht und geringe Aufnahme von Obst und Gemüse und körperlicher Inaktivität an erster Stelle1. Bis heute werden jedoch in Deutschland die gesundheitlichen Schäden durch das Rauchen in der Öffentlichkeit durch Politik und Medien in skandalöser Weise vernachlässigt2,3. Auch von Teilen der Ärzteschaft wird den Folgen der Tabakepidemie nicht die erforderliche Aufmerksamkeit entgegengebracht. In einigen europäischen Ländern sind im Gegensatz dazu Nichtraucherschutzgesetze in Kraft getreten. Nachdem Irland im vorigen Jahr im Nichtraucherschutz eine Vorreiterrolle eingenommen hatte, gilt seit Januar 2005 in Italien ein sehr konsequentes Nichtrauchergesetz. Von Südtirol bis Sizilien ist das Rauchen an allen öffentlich zugänglichen Räumen untersagt, und zwar ohne Ausnahme4. Vor einigen Jahren wurde von der EU-Kommission ein Werbeverbot für Tabakwaren beschlossen, gegen das allerdings von der Bundesregierung und Österreich geklagt wird. Auch die Streichung der Tabaksubventionen, die der EU immerhin bisher eine Milliarde Euro pro Jahr wert waren und die 2010 auslaufen, sind ernsthaft im Gespräch. Ein Hintergrund dieser Entwicklung sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, die kürzlich unter Mitarbeit von führenden Epidemiologen in Europa in einer umfassenden Studie zusammengestellt und von der Europäischen Kommission veröffentlicht wurden5. Besonders hervorgehoben werden muss eine von Doll und Peto 1951 begonnene prospektive Kohortenstudie an 34 000 männlichen britischen Ärzten mit Follow up-Zeiten von zunächst 20, später 40 und jetzt 50 Jahren6. Die im Folgenden mitgeteilten Daten stützen sich im Wesentlichen auf die genannte europäische Studie, aber auch auf die Ergebnisse der Deutschen Nikotinkonferenzen, die seit 1998 von K.-O. Haustein jedes Jahr in Erfurt durchgeführt und regelmäßig publiziert werden7.

Individuelle Gesundheitsschäden durch das Rauchen
2002 rauchten in Europa 19-44 Prozent der Männer und 19-31 Prozent der Frauen, 1998 waren es in Deutschland 39 Prozent der Männer und 31 Prozent der Frauen8. Das Zigarettenrauchen ist die bei weitem häufigste Form des Tabakgebrauchs in Europa. Der Zigarettenrauch enthält ca. 4 000 toxische Stoffe, davon 40 krebserregende und andere Schadstoffe wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, z. B. Benzpyrene, Nitrosamine, aromatische Amine, organische Verbindungen wie z. B. Phenylchlorid, Formaldehyd, Benzol und anorganische Verbindungen wie Arsen, Kadmium, Blei, Kohlenmonoxyd und das radioaktive 210Polonium, außerdem das Alkaloid Nikotin, das für die Entwicklung einer Abhängigkeit/Sucht verantwortlich ist.

Lunge
Mundhöhle
Rachen
Kehlkopf
Speiseröhre
Pankreas
Harnblase
Nierenbecken
Niere
Magen
Gebärmutterhals
Knochenmark
Nasenschleimhaut
Nasennebenhöhlen
Leber
Tab. 1: Organe bzw. Organsysteme, die durch das Rauchen bedingte Krebskrankheiten entwickeln können (nach 5)

Krebskrankheiten
Rauchen verursacht mindestens 16 verschiedenen Krebskrankheiten und damit mehr, als bisher angenommen wurde (Tabelle 1). Dazu gehören Krebskrankheiten der Lunge und der übrigen Rauchstraße (Mundhöhle, Rachen, Nasenschleimhaut, Nasennebenhöhlen, Kehlkopf und Ösophagus). 90 Prozent der Fälle von Lungenkrebs werden heute dem Zigarettenrauchen zugerechnet. In Abhängigkeit von der Zahl der gerauchten Zigaretten ist nach der britischen Ärztestudie die Lungenkrebsrate bei Rauchern bis 25-mal höher als bei Nichtrauchern, im Durchschnitt liegt das relative Risiko bei 14. Auch ca. 20 Prozent der Magenkarzinome und ca. 30 Prozent der Pankreaskarzinome werden durch das Rauchen verursacht. Harnblasen- und Nierenbeckenkarzinome sind bei Rauchern 5- bis 6-mal häufiger als bei Nichtrauchern. Weiterhin ist heute ein gesicherter Zusammenhang zwischen Rauchen und Gebärmutterhalskrebs (ca. 30 Prozent der Krankheitsfälle), Leukämien (ca. 20-30 Prozent der Krankheitsfälle), aber auch bei Krebskrankheiten der Leber anerkannt. Neuerdings gibt es auch Hinweise dafür, dass beim Brustkrebs Zigarettenrauchen zu einer deutlichen Zunahme führt2. Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass ca. 30 Prozent der Todesfälle an Krebs durch das Rauchen verursacht werden.

- Chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD)
- Akute Infekte der Atemwege einschließlich Lungenentzündungen
- Verschlechterung des Verlaufs bei Asthma bronchiale
- Bei Heranwachsenden und Jugendlichen: Verminderung des Größenwachstums der Lunge und frühzeitiger Beginn der Abnahme der Lungenfunktion
Tab. 2: Krankheiten der Atemwege, die durch das Rauchen verursacht werden (nach 5)

Krankheiten der Atemwege
Neben dem Lungenkrebs ist die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) die mit Abstand wichtigste chronische Krankheit der Atemwege, an der jährlich ca. 20 000 Menschen in Deutschland versterben (Tabelle 2). Rauchen ist die wichtigste Ursache für diese Erkrankung, aber auch für die chronische Bronchitis und das Emphysem. 90 Prozent der Krankheitsfälle an COPD werden durch das Rauchen verursacht. Bei Rauchern ist die Sterblichkeit an COPD 14-fach erhöht. Daneben erhöht das Rauchen auch das Risiko für akute Atemwegserkrankungen wie Pneumonie, Influenza, Erkältungen und Tuberkulose. Bei der zweiten Volkskrankheit der Atemwege, dem Asthma bronchiale, wirkt sich das Rauchen ungünstig auf den Verlauf aus, indem die Überempfindlichkeit des Bronchialsystems gesteigert wird und akute Entzündungen der Bronchien gefördert werden. Weiterhin verursacht Rauchen bei Kindern und Heranwachsenden chronische Schäden der Lunge, z. B. eine Verminderung des Größenwachstums der Lunge und einen frühzeitigen Beginn der Abnahme der Lungenfunktion. Dieser Aspekt ist heute deswegen ganz besonders wichtig, weil viele Jugendliche heute schon im Alter von 11-15 Jahren mit dem Zigarettenrauchen beginnen9.

Kardiovaskuläre Krankheiten

- Koronare Herzkrankheit (KHK)
- Cerebrale Ischämie
- Aortenaneurysma
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit
(paVK)
Tab. 3: Kardiovaskuläre Krankheiten, die durch das Rauchengefördert werden (nach 5)

Zu dieser Krankheitsgruppe gehören die koronare Herzkrankheit (KHK), das Aortenaneurysma, die cerebrale Ischämie und die periphere arterielle Verschlusskrankheit (Tabelle 3). Bei Rauchern ist die Sterblichkeit an kardiovaskulären Krankheiten um das 1,6- bis 1,9-fache höher als bei Nichtrauchern. Bei 60-jährigen Rauchern ist die Zahl der Herzinfarkte verdoppelt, bei 50-jährigen Rauchern verdreifacht im Vergleich zu Nichtrauchern. Da die Zahl der Krankheitsfälle an kardiovaskulären Krankheiten wesentlich höher ist als die bei COPD oder Krebskrankheiten, ist die absolute Zahl der Todesfälle an dieser Krankheitsgruppe bei Rauchern mit denen bei COPD und Krebskrankheiten vergleichbar (vergl. auch Tabelle 4).

Weitere Gesundheitsschäden und ungünstige Effekte
Mehr als 13 Millionen Europäer leiden an einer ernsten chronischen Erkrankung, die ganz oder teilweise auf das Rauchen zurückzuführen ist. Dazu gehören Ulcus ventriculi et duodeni, Katarakt, Peridontitis, Osteoporose und Hüftfrakturen, eine verminderte Fertilität und die erektile Dysfunktion, eine vorzeitige Alterung der Haut und Schwangerschaftskomplikationen wie niedriges Geburtsgewicht und der plötzliche Kindstod (SIDS), der bei rauchenden Müttern bis 5-fach erhöht ist. Weiterhin ist bei Rauchern eine Beeinträchtigung der Heilung nach chirurgischen Eingriffen zu verzeichnen, auch aufgrund von Komplikationen der Atemwege. Schließlich ist bei vielen Krankheiten eine Verschlechterung des Verlaufs festzustellen. Dazu gehören chronische Rhinitis, multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Augenerkrankungen wie Katarakt und Linsentrübung, endokrine Orbipathie, Makuladegeneration, Glaukom, aber auch Diabetes mellitus Typ 2 mit zunehmender Insulinresistenz, Retinopathie und Nephropathie und die rheumatoide Arthritis. Weiterhin muss davon ausgegangen werden, dass 30-80 Prozent der Raucher nikotinabhängig sind, sodass durch Rauchen die häufigste seelische Störung (ICD-10, Kapitel F 17) hervorgerufen wird10.

Ursache Männer Frauen Alle
Lungenkrebs 156 000 (91) 34 000 (65) 190 000 (85)
Alle Krebse 239 000 (38) 46 000 (9) 285 000 (25)
KK 136 000 (16) 48 000 (5) 184 000 (10)
Atemwege 78 000 (40) 34 000 (19) 113 000 (30)
Alle Ursachen 508 000 (23) 148 000 (7) 656 000 (15)
Tab. 4: Todesfälle (TF) durch Rauchen, in Klammern: alle TF in Prozent in der EU 25 (Daten von 2000); KK: Kardiovaskuläre Krankheiten (aus 5)

Passivrauchen
Passivrauch besteht zu 85 Prozent aus Nebenstromrauch, der bei niedrigeren Verbrennungstemperaturen entsteht als der Hauptstromrauch und damit mehr toxische und krebserregende Stoffe enthält8. Heute liegen genügend Erkenntnisse vor, dass Passivrauchen mit eindeutigen Gesundheitsschäden verbunden ist. So existieren allein zum Thema Passivrauchen und KHK 19 epidemiologische Studien, aus denen sich ableiten lässt, dass bei Nie-Rauchern z. B. ein um 30 Prozent erhöhtes Risiko für eine KHK besteht, wenn sie mit einem Raucher zusammenleben8. Auch die Lungenkrebsrate ist bei Passivrauchern um etwa 30 Prozent erhöht gegenüber Nichtrauchern, die nicht exponiert sind. Weiterhin ist bei Kindern, die passiv Zigarettenrauch ausgesetzt sind, eine vermehrte Häufigkeit von Infekten im Bereich der Atemwege einschließlich Pneumonien festgestellt worden.

Bevölkerungsbezogene Auswirkungen des Rauchens

Im Folgenden sollen die Daten über die Auswirkungen des Rauchens auf die Gesundheit der Bevölkerung („public health“) dargestellt werden. Die wichtigsten Daten stammen von der Arbeitsgruppe um Doll und Peto aus Großbritannien, die auch die oben erwähnte britische Ärztestudie durchgeführt hat.

Todesfälle durch Rauchen in Europa

In Tabelle 4 sind auf der Basis der Daten aus dem Jahre 2000 die Todesfälle durch Rauchen für die oben angeführten wichtigsten Krankheitsgruppen für Männer und Frauen dargestellt. Im Jahre 2000 starben 156 000 Männer und 34 000 Frauen an Lungenkrebs, das entsprach 91 Prozent bzw. 65 Prozent aller Todesfälle an Lungenkrebs. Insgesamt starben 190 000 Menschen in Europa an Lungenkrebs und 285 000 an allen Krebsarten, das entsprach 25 Prozent aller Todesfälle an Krebs. An kardiovaskulären Krankheiten starben 184 000 Menschen durch das Rauchen und an Erkrankungen der Atemwege, insbesondere der COPD, 113 000. Insgesamt wird die Zahl der Todesfälle durch Rauchen im Jahre 2000 in Europa (EU 25) auf 656 000 geschätzt, das entspricht ca. 15 Prozent aller Todesfälle. Für Deutschland wird die Gesamtzahl der Todesfälle durch Rauchen mit
110 000 angegeben. Andere Schätzungen aus Deutschland liegen sogar bei 143 00011.
Wenn man die Todesfälle durch Rauchen in Europa weiter analysiert, muss zunächst davon ausgegangen werden, dass die Todesfälle durch die oben genannten chronischen Krankheiten wie Krebs, COPD und kardiovaskuläre Krankheiten hervorgerufen werden. Diese treten in der Regel erst nach einer 20- bis 30-jährigen Raucherkarriere auf. Die Männer begannen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa mit dem Rauchen und hatten in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den höchsten Prozentsatz an Rauchern (ca. 60 Prozent) erreicht, seitdem ist ein Abfall auf etwa 40 Prozent rauchender Männer in Europa zu verzeichnen. Frauen haben im Durchschnitt etwa 20 Jahre später als die Männer in Europa mit dem Rauchen begonnen. Der Höhepunkt des Prozentsatzes der Raucherinnen in Europa war in den 70er bis 80er Jahren auf etwas niedrigem Niveau als bei den Männern erreicht, wobei allerdings zwischen den einzelnen Ländern erhebliche Unterschiede existieren. Seitdem ist der Anteil der Raucherinnen leicht zurückgegangen, sodass derzeit ebenfalls etwa 30 Prozent der Frauen in Europa rauchen.

Abb. 1: Todesfälle (TF) durch Rauchen in der EU 25 a) Prozent aller TF, b) TF in 1 000 pro Jahr (aus 5)

Die Abbildung 1 muss vor diesem Hintergrund interpretiert werden. Sie zeigt die Todesfälle durch Rauchen in Europa, getrennt für Männer und Frauen aufgelistet. Die Abbildung 1 zeigt, dass 23 Prozent aller Männer im Jahr 2000 aufgrund einer Krankheit, die durch das Rauchen ausgelöst wurde, gestorben sind. Der leichte Rückgang seit 1985 erklärt sich aus dem Rückgang des Prozentsatzes der rauchenden Männer in den letzten 20-30 Jahren. Bei den Frauen ist der Anteil der Todesfälle wesentlich geringer und lag 2000 bei 6,6 Prozent. Aufgrund der Erfahrungen bei den Männern ist zu erwarten, dass in den nächsten 10 bis 20 Jahren dieser Prozentsatz jedoch weiter erheblich ansteigen wird. Für Deutschland wurde 2001 geschätzt, dass 25,4 Prozent der Männer und 9,1 Prozent der Frauen an einer durch das Rauchen verursachten Krankheit vorzeitig starben11,12.

Die Abbildung 2 zeigt die Zusammenhänge in gleicher Weise, jedoch nicht für alle Todesfälle, sondern nur für die Todesfälle der 35-69-Jährigen. Es zeigt sich, dass aus dieser Altersgruppe 31 Prozent der Männer und 12 Prozent der Frauen im Jahr 2000 aufgrund einer Erkrankung starben, die durch das Rauchen verursacht waren. Mehr als jeder 5. Todesfall bei Erwachsenen unterhalb des 70. Lebensjahres wird durch das Rauchen verursacht!

Abb. 2: Todesfälle (TF) durch Rauchen in der EU 25 a) Prozentsatz aller TF, b) TF in 1 000 pro Jahr, für die 35- bis 69-Jährigen (aus 5)

Erwähnt sei noch, dass die entsprechenden Darstellungen für die einzelnen EU-Länder in Abhängigkeit von den jeweiligen Rauchgewohnheiten bei Männern und Frauen in den vergangenen 20-30 Jahren erhebliche Unterschiede aufweisen. So ist z. B. der Prozentsatz der Todesfälle durch Rauchen für die 35- bis 69-jährigen Männer in Schweden im Jahre 2000 auf 15 Prozent gefallen. Bei den Frauen betrug er allerdings 16 Prozent und lag damit höher als im EU-Durchschnitt. Diese Unterschiede erklären sich damit, dass in Schweden die Häufigkeit des Rauchens bei Männern in den letzten 30 Jahren deutlich abgenommen hat und mittlerweile bei 19 Prozent liegt, während bei den Frauen wie auch in anderen skandinavischen Ländern die Häufigkeit des Rauchens in den 60er und 70er Jahren frühzeitiger und stärker zugenommen hatte als in anderen europäischen Ländern und derzeit ebenfalls bei 19 Prozent liegt. In Großbritannien lagen die entsprechenden Zahlen der Todesfälle bei 35- bis 69-Jährigen im Jahre 2000 bei 25 bzw. 21 Prozent, in Frankreich bei 33 Prozent bzw. 6,3 Prozent und Polen bei 38 Prozent bzw. 13 Prozent. Separate Zahlen für Deutschland sind in dieser europäischen Studie leider nicht aufgeführt.

Morbidität durch Rauchen in Europa
Wie weiter oben dargestellt gibt es eine große Gruppe von Krankheiten, die mit dem Rauchen assoziiert bzw. durch das Rauchen verursacht sind. Aus diesen Gründen werden sehr viel mehr Menschen durch das Rauchen geschädigt als die Mortalitätsstatistiken anzeigen. Die vollständige Krankheitslast, die durch das Rauchen hervorgerufen wird, ist jedoch schwer zu bestimmen. Wenn man nur die COPD betrachtet, haben Untersuchungen in Europa gezeigt, dass wenigstens vier bis sechs Prozent der erwachsenen Bevölkerung an einer Krankheit leiden, für die Rauchen der einzige wichtige Risikofaktor ist. Aus einer amerikanischen Studie kann abgeleitet werden, dass die Krankheitslast durch das Rauchen wahrscheinlich 20-fach größer ist als die Mortalitätsziffern anzeigen. Somit kann man davon ausgehen, dass 13 Millionen Europäer an ernsten und chronischen Krankheiten leiden, die durch das Zigarettenrauchen ausgelöst werden. Von dieser Krankheitslast sind die unteren Sozialschichten stärker betroffen als die oberen, weil das Rauchen hier häufiger ist und häufiger weitere Risikofaktoren vorliegen.

Abb. 3: Überlebenskurven für männliche britische Ärzte, die das Rauchen im Alter von 35-44 Jahren beendeten, im Vergleich zu Rauchern und Nie-Rauchern (aus 5)

Nutzen einer Beendigung des Rauchens
Die Beendigung des Rauchens ist überall in Europa mit günstigen, ja dramatischen Effekten verbunden. Die schon genannte britische Ärztestudie hat in ihrem 50-jährigen Follow-up die Überlebenskurven von Zigarettenrauchern, die das Rauchen aufgaben, mit solchen verglichen, die weiter rauchten (Abbildung 3). Diejenigen, die vor dem 35. Lebensjahr das Rauchen aufgaben, hatten eine Überlebenskurve, die sich nicht signifikant von derjenigen unterschied, die niemals rauchten. Der Effekt einer Beendigung des Rauchens lässt sich am besten veranschaulichen, wenn man sich, wie in Abbildung 3 dargestellt, ein bestimmtes Alter ansieht. So sind z. B. im Alter von 70 Jahren in dieser großen Studie unter den Rauchern nur noch 60 Prozent am Leben im Vergleich zu mehr als 80 Prozent derjenigen, die das Rauchen bis zum 45. Lebensjahr aufgegeben hatten. Sogar im Alter von 90 Jahren ist der Unterschied noch feststellbar. Hier sind nur noch ungefähr fünf Prozent der Raucher am Leben verglichen mit etwa 25 Prozent, die bis zum Alter von 35 das Rauchen aufgegeben hatten. Für diejenigen, die sich später zu einem Rauchstopp entschlossen hatten, zeigt diese Studie Überlebenskurven, die dazwischenliegen. Sogar ein Rauchstopp im mittleren Alter führt zu einer Lebensverlängerung. Aus den Arbeiten von Doll, Peto und Mitarbeitern ist weiter abzuleiten, dass durch einen Rauchstopp das Krankheitsmuster im Laufe der folgenden 20 bis 25 Jahre zum Günstigen hin verändert wird. Deshalb sollten Erwachsene und insbesondere auch Kinder das Rauchen so schnell wie möglich aufgeben.

Weitere Belege für günstige Effekte durch die Beendigung des Rauchens gibt es vor allem für Herzkrankheiten und Schlaganfall13. So sinkt das Exzessrisiko für Herzinfarkt und Schlaganfall innerhalb von zwei Jahren nach Rauchstopp um etwa 50 Prozent ab.

  • nach 20 Stunden CO aus dem Körper eliminiert
  • nach drei Tagen Atmung leichter, weil Bronchien erschlaffen
  • nach drei Monaten Mikrozirkulation verbessert
  • nach drei bis neun Monaten Verbesserung der Lungenfunktion um zehn Prozent
  • nach einem Jahr sinkt Risiko eines Herzinfarktes auf die Hälfte ab
  • mehrere Jahre Rauchstopp vermindern das Risiko für Lungenkrebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, chronische Lungenkrankheiten und andere Krebskrankheiten entscheiden
Tab. 5: Auswirkungen eines Rauchstopps (US Surgean General’s report 1990)

Eindrucksvoll wurde der Nutzen einer Beendigung des Rauchens 1990 im US Surgean General’s report dargestellt (Tabelle 5).

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Aus den dargestellten Daten über Auswirkungen und Ausmaß der Tabakepidemie ergibt sich ein dramatisches Bild. Im Jahre 2000 starben in Europa 656 000 Menschen an einer durch das Rauchen verursachten Krankheit, insbesondere am Lungenkrebs und anderen Krebskrankheiten, an kardiovaskulären Krankheiten und an der chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). Das entspricht 15 Prozent aller Todesfälle. Im Durchschnitt sterben Raucher 14 Jahre früher als Nichtraucher. Im mittleren Alter (35-69 Jahre) starben 31 Prozent der Männer und 12 Prozent der Frauen im Jahre 2000 am Zigarettenrauchen. Das bedeutet, dass 50 Prozent aller Raucher im mittleren Alter an einer Krankheit sterben, die durch das Rauchen verursacht ist, und dabei durchschnittlich 22 Lebensjahre verlieren. Konkret heißt es dazu in der oben angeführten aktuellen europäischen Studie: Im Jahre 2000 starben in Europa von 1 000 erwachsenen Rauchern einer durch Mord, sieben durch Autounfälle und 500, weil sie regelmäßig rauchten. Damit ist das Zigarettenrauchen auch bei uns der bei weitem wichtigste einzelne krankmachende und todbringende Faktor, der vermieden werden kann. Um ihn einzudämmen, sind Maßnahmen der Verhaltensprävention, aber auch der Verhältnisprävention dringend erforderlich.

Bei der Verhaltensprävention ist sicherlich ein wichtiger Faktor, dass rauchende Patienten immer wieder von ihren Ärzten auf die Notwendigkeit der Beendigung des Rauchens angesprochen werden müssen. Um das überzeugend tun zu können, ist ein Rauchverzicht der Ärzte unabdingbar. Darüber hinaus sollten sich die Ärzte Kenntnisse über Maßnahmen der Raucherentwöhnung aneignen, wie sie z. B. von K.-O. Haustein mit der Nikotinersatztherapie in Erfurt entwickelt wurden14. In diesem Zusammenhang ist auch erwähnenswert, dass sich am 14. Februar 2005 in Erfurt eine „Ärzte-Initiative Raucherhilfe“ gegründet hat, die die Ärzteschaft bei dem notwendigen Kampf gegen das Rauchen unterstützen möchte15.

Die Erfahrungen auch in anderen europäischen Ländern zeigen jedoch, dass Maßnahmen der Verhaltensprävention ergänzt werden müssen durch Maßnahmen der Verhältnisprävention, wenn im Kampf gegen das Rauchen in absehbarer Zeit messbare Erfolge erzielt werden sollen16. Hier sind Politik und die Medien gefordert, sich beispielsweise für eine Durchsetzung eines umfassenden Werbeverbots für Zigaretten und Tabakwaren, für eine generelle Anhebung der Tabaksteuer, für Verwendung der Tabaksteuer (derzeit ca. elf Milliarden Euro) für die Prävention des Rauchens und zur Behandlung der Raucherfolgeschäden und für ein effektives Nichtraucherschutzgesetz mit Rauchverbot in Schulen, Krankenhäusern, öffentlichen Einrichtungen und am Arbeitsplatz mit entsprechenden Durchführungsbestimmungen und Hilfen für die Noch-Raucher einzusetzen. Weiterhin sind zu diskutieren die Abschaffung der Zigarettenautomaten, der Verkauf von Zigaretten nur in Spezialgeschäften und nur an Erwachsene und wirksame Nichtraucherkampagnen in den Medien. Von all diesen Maßnahmen ist Deutschland derzeit, wie einleitend gezeigt wird, weiter entfernt als andere europäische Länder.


Literatur
1. Ezzati M, Lopes AD, Rodgers A, et al. Selected mayor risk factors an global und regional burden of disease. Lancet 2002; 360: 1347 - 1360

2. Kaltenbach M, Rauchen 2005. Herz heute - Zeitschrift der Deutschen Herzstiftung 2005; 1: 26 - 29

3. Haustein K-O. Ärztebl. Thüring. 2004; 15: 581 - 586

4. Hibbeler B. Die letzten Rauchzeichen. Nichtraucherschutz in Europa. Deutsches Ärzteblatt 2005; 102: 470 - 472

5. McNeill A. Tobacco use and effects on health. In: Tobacco or health in the European Union - past, present und future. Prepared by the Aspect Consortium, European Commission. Luxemburg: Office für Official Publication of the European Communities, 2004; 25 - 68

6. Doll R, Peto R, Borcham I, Sutherland J. Mortality in relation to smoking: 50 years observation on male British doctors. BMI 2004; 328: 1519 - 1528

7. Publikationen der Deutschen Nikotinkonferenzen zu beziehen über: Institut für Nikotinforschung und Raucherentwöhnung (Leiter: Prof. Dr. med. K.-O. Haustein), Johannesstr. 85 - 87, 99084 Erfurt, Tel. 0361/645080, Email: haustein@inr-online.de

8. Keil U. Rauchen und Herz-Kreislauferkrankungen aus epidemiologischer Sicht. In: Haustein KO (Hrsg). Rauchen und Herz-Kreislauf, Rauchen und Endokrinium, Rauchen und Arbeitsplatz. 7. Nikotinkonferenz Mai 2004 in Erfurt. Organon-Verlag B. Conventz, Weinheim 2004; 1 - 12

9. Wiberg G, Hanewinkel R. Be smart-don't start. Konzeption, Implementation und Evaluation einer Kampagne zur Prävention des Rauchens. In: Haustein KO (Hrsg). Rauchen und Nikotin - Raucherschäden und Primärprävention. 3. Deutsche Nikotinkonferenz Mai 2000 in Erfurt. Verlag Perfusion GmbH, Nürnberg 2000; 106 - 111.
 

10. Schmidt LG. Neurobiologische Grundlagen der Tabakabhängigkeit. In: Haustein KO (Hrsg). Rauchen und Nikotin - eine Kontroverse? 2. Deutsche Nikotinkonferenz Mai 1999 in Erfurt. Verlag Perfusion GmbH, Nürnberg 1999; 4 - 10

11. John U, Hanke M. Mortality attributable to tobacco smoking in German federal states. Gesundheitswesen 2001; 63: 363 - 369

12. John U, Hanke M. Tabakrauch - attributable Todesfälle in Deutschland. In: Haustein K-O (Hrsg): Rauchen und Nierenerkrankungen, Rauchen und orale Gesundheit. 5. Deutsche Nikotinkonferenz Mai 2002 in Erfurt. Verlag Spandel GmbH Druck - Media - Verlag, Nürnberg 2002; 125 - 131

13. Lightwood IM, Glantz SA. Short term economic und health benefits of smoking cessation. Circulation 1997; 96: 1089 - 1096

14. Haustein KO. Tabakabhängigkeit. Gesundheitliche Schäden durch das Rauchen. Deutscher Ärzteverlag, Köln 2001; 325 - 362

15. Postanschrift: Ärzteinitiative Raucherhilfe (AIR). c/o DGFF Lipid-Liga e.V., Waldklausenweg 20, 81377 München.

16. Haustein KO, Memorandum. In: Haustein KO (Hrsg). Rauchen und Krebs, Frau und Rauchen, Probleme der medikamentösen Raucherentwöhnung. 6. Deutsche Nikotinkonferenz Mai 2003 in Erfurt. Organon-Verlag B Conventz, Weinheim 2004; 161 - 162

Prof. Dr. Klaus-Dieter Kolenda, Ostseeklinik Schönberg-Holm, An den Salzwiesen 1, 24217 Schönberg

 




ZUSATZ-INFO

<<ZURÜCK






IMPRESSUM & AGB
Hauptstraße 30
21709 Himmelpforten
Telefon +49 4144 2369242
Telefax +49 4144 210045
E-Mail info(at)endlich-aufatmen.de