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Einleitung
Unter den zehn wichtigsten Risikofaktoren für die Krankheitslast in den
westlichen Industrieländern steht der Tabakkonsum vor Bluthochdruck, Alkoholkonsum,
ernährungsabhängigen Risikofaktoren wie Hypercholesterinämie, Übergewicht
und geringe Aufnahme von Obst und Gemüse und körperlicher Inaktivität
an erster Stelle1. Bis heute werden jedoch in Deutschland die
gesundheitlichen Schäden durch das Rauchen in der Öffentlichkeit durch
Politik und Medien in skandalöser Weise vernachlässigt2,3.
Auch von Teilen der Ärzteschaft wird den Folgen der Tabakepidemie nicht
die erforderliche Aufmerksamkeit entgegengebracht. In einigen europäischen
Ländern sind im Gegensatz dazu Nichtraucherschutzgesetze in Kraft getreten.
Nachdem Irland im vorigen Jahr im Nichtraucherschutz eine Vorreiterrolle
eingenommen hatte, gilt seit Januar 2005 in Italien ein sehr konsequentes
Nichtrauchergesetz. Von Südtirol bis Sizilien ist das Rauchen an allen
öffentlich zugänglichen Räumen untersagt, und zwar ohne Ausnahme4.
Vor einigen Jahren wurde von der EU-Kommission ein Werbeverbot für Tabakwaren
beschlossen, gegen das allerdings von der Bundesregierung und Österreich
geklagt wird. Auch die Streichung der Tabaksubventionen, die der EU immerhin
bisher eine Milliarde Euro pro Jahr wert waren und die 2010 auslaufen,
sind ernsthaft im Gespräch. Ein Hintergrund dieser Entwicklung sind die
wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, die kürzlich unter
Mitarbeit von führenden Epidemiologen in Europa in einer umfassenden Studie
zusammengestellt und von der Europäischen Kommission veröffentlicht wurden5.
Besonders hervorgehoben werden muss eine von Doll und Peto 1951 begonnene
prospektive Kohortenstudie an 34 000 männlichen britischen Ärzten mit
Follow up-Zeiten von zunächst 20, später 40 und jetzt 50 Jahren6.
Die im Folgenden mitgeteilten Daten stützen sich im Wesentlichen auf die
genannte europäische Studie, aber auch auf die Ergebnisse der Deutschen
Nikotinkonferenzen, die seit 1998 von K.-O. Haustein jedes Jahr in Erfurt
durchgeführt und regelmäßig publiziert werden7.
Individuelle Gesundheitsschäden durch das Rauchen
2002 rauchten in Europa 19-44 Prozent der Männer und 19-31 Prozent der
Frauen, 1998 waren es in Deutschland 39 Prozent der Männer und 31 Prozent
der Frauen8. Das Zigarettenrauchen ist die bei weitem häufigste
Form des Tabakgebrauchs in Europa. Der Zigarettenrauch enthält ca. 4 000
toxische Stoffe, davon 40 krebserregende und andere Schadstoffe wie polyzyklische
aromatische Kohlenwasserstoffe, z. B. Benzpyrene, Nitrosamine, aromatische
Amine, organische Verbindungen wie z. B. Phenylchlorid, Formaldehyd, Benzol
und anorganische Verbindungen wie Arsen, Kadmium, Blei, Kohlenmonoxyd
und das radioaktive 210Polonium, außerdem das Alkaloid Nikotin, das für
die Entwicklung einer Abhängigkeit/Sucht verantwortlich ist.
Lunge
Mundhöhle
Rachen
Kehlkopf
Speiseröhre
Pankreas
Harnblase
Nierenbecken
Niere
Magen
Gebärmutterhals
Knochenmark
Nasenschleimhaut
Nasennebenhöhlen
Leber |
| Tab.
1: Organe bzw. Organsysteme, die durch das Rauchen bedingte Krebskrankheiten
entwickeln können (nach 5) |
Krebskrankheiten
Rauchen verursacht mindestens 16 verschiedenen Krebskrankheiten und damit
mehr, als bisher angenommen wurde (Tabelle 1). Dazu gehören Krebskrankheiten
der Lunge und der übrigen Rauchstraße (Mundhöhle, Rachen, Nasenschleimhaut,
Nasennebenhöhlen, Kehlkopf und Ösophagus). 90 Prozent der Fälle von Lungenkrebs
werden heute dem Zigarettenrauchen zugerechnet. In Abhängigkeit von der
Zahl der gerauchten Zigaretten ist nach der britischen Ärztestudie die
Lungenkrebsrate bei Rauchern bis 25-mal höher als bei Nichtrauchern, im
Durchschnitt liegt das relative Risiko bei 14. Auch ca. 20 Prozent der
Magenkarzinome und ca. 30 Prozent der Pankreaskarzinome werden durch das
Rauchen verursacht. Harnblasen- und Nierenbeckenkarzinome sind bei Rauchern
5- bis 6-mal häufiger als bei Nichtrauchern. Weiterhin ist heute ein gesicherter
Zusammenhang zwischen Rauchen und Gebärmutterhalskrebs (ca. 30 Prozent
der Krankheitsfälle), Leukämien (ca. 20-30 Prozent der Krankheitsfälle),
aber auch bei Krebskrankheiten der Leber anerkannt. Neuerdings gibt es
auch Hinweise dafür, dass beim Brustkrebs Zigarettenrauchen zu einer deutlichen
Zunahme führt2. Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass ca. 30 Prozent
der Todesfälle an Krebs durch das Rauchen verursacht werden.
-
Chronisch-obstruktive
Lungenerkrankung (COPD)
- Akute Infekte der Atemwege einschließlich Lungenentzündungen
- Verschlechterung des Verlaufs bei Asthma bronchiale
- Bei Heranwachsenden und Jugendlichen: Verminderung des Größenwachstums
der Lunge und frühzeitiger Beginn der Abnahme der Lungenfunktion |
| Tab.
2: Krankheiten der Atemwege, die durch das Rauchen verursacht werden
(nach 5) |
Krankheiten der Atemwege
Neben dem Lungenkrebs ist die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD)
die mit Abstand wichtigste chronische Krankheit der Atemwege, an der jährlich
ca. 20 000 Menschen in Deutschland versterben (Tabelle 2). Rauchen ist
die wichtigste Ursache für diese Erkrankung, aber auch für die chronische
Bronchitis und das Emphysem. 90 Prozent der Krankheitsfälle an COPD werden
durch das Rauchen verursacht. Bei Rauchern ist die Sterblichkeit an COPD
14-fach erhöht. Daneben erhöht das Rauchen auch das Risiko für akute Atemwegserkrankungen
wie Pneumonie, Influenza, Erkältungen und Tuberkulose. Bei der zweiten
Volkskrankheit der Atemwege, dem Asthma bronchiale, wirkt sich das Rauchen
ungünstig auf den Verlauf aus, indem die Überempfindlichkeit des Bronchialsystems
gesteigert wird und akute Entzündungen der Bronchien gefördert werden.
Weiterhin verursacht Rauchen bei Kindern und Heranwachsenden chronische
Schäden der Lunge, z. B. eine Verminderung des Größenwachstums der Lunge
und einen frühzeitigen Beginn der Abnahme der Lungenfunktion. Dieser Aspekt
ist heute deswegen ganz besonders wichtig, weil viele Jugendliche heute
schon im Alter von 11-15 Jahren mit dem Zigarettenrauchen beginnen9.
Kardiovaskuläre Krankheiten
-
Koronare
Herzkrankheit (KHK)
- Cerebrale Ischämie
- Aortenaneurysma
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit
(paVK) |
| Tab.
3: Kardiovaskuläre Krankheiten, die durch das Rauchengefördert werden
(nach 5) |
Zu dieser Krankheitsgruppe gehören die
koronare Herzkrankheit (KHK), das Aortenaneurysma, die cerebrale Ischämie
und die periphere arterielle Verschlusskrankheit (Tabelle 3). Bei Rauchern
ist die Sterblichkeit an kardiovaskulären Krankheiten um das 1,6- bis
1,9-fache höher als bei Nichtrauchern. Bei 60-jährigen Rauchern ist die
Zahl der Herzinfarkte verdoppelt, bei 50-jährigen Rauchern verdreifacht
im Vergleich zu Nichtrauchern. Da die Zahl der Krankheitsfälle an kardiovaskulären
Krankheiten wesentlich höher ist als die bei COPD oder Krebskrankheiten,
ist die absolute Zahl der Todesfälle an dieser Krankheitsgruppe bei Rauchern
mit denen bei COPD und Krebskrankheiten vergleichbar (vergl. auch Tabelle
4).
Weitere Gesundheitsschäden und ungünstige
Effekte
Mehr als 13 Millionen Europäer leiden an einer ernsten chronischen Erkrankung,
die ganz oder teilweise auf das Rauchen zurückzuführen ist. Dazu gehören
Ulcus ventriculi et duodeni, Katarakt, Peridontitis, Osteoporose und Hüftfrakturen,
eine verminderte Fertilität und die erektile Dysfunktion, eine vorzeitige
Alterung der Haut und Schwangerschaftskomplikationen wie niedriges Geburtsgewicht
und der plötzliche Kindstod (SIDS), der bei rauchenden Müttern bis 5-fach
erhöht ist. Weiterhin ist bei Rauchern eine Beeinträchtigung der Heilung
nach chirurgischen Eingriffen zu verzeichnen, auch aufgrund von Komplikationen
der Atemwege. Schließlich ist bei vielen Krankheiten eine Verschlechterung
des Verlaufs festzustellen. Dazu gehören chronische Rhinitis, multiple
Sklerose, Morbus Parkinson, Augenerkrankungen wie Katarakt und Linsentrübung,
endokrine Orbipathie, Makuladegeneration, Glaukom, aber auch Diabetes
mellitus Typ 2 mit zunehmender Insulinresistenz, Retinopathie und Nephropathie
und die rheumatoide Arthritis. Weiterhin muss davon ausgegangen werden,
dass 30-80 Prozent der Raucher nikotinabhängig sind, sodass durch Rauchen
die häufigste seelische Störung (ICD-10, Kapitel F 17) hervorgerufen wird10.
| Ursache |
Männer |
Frauen |
Alle |
|
Lungenkrebs |
156
000 (91) |
34
000 (65) |
190
000 (85) |
| Alle Krebse |
239 000 (38) |
46 000 (9) |
285 000 (25) |
| KK |
136 000 (16) |
48 000 (5) |
184 000 (10) |
| Atemwege |
78 000 (40) |
34 000 (19) |
113 000 (30) |
| Alle Ursachen |
508 000 (23) |
148 000 (7) |
656 000 (15) |
| Tab.
4: Todesfälle (TF) durch Rauchen, in Klammern: alle TF in Prozent
in der EU 25 (Daten von 2000); KK: Kardiovaskuläre Krankheiten (aus
5) |
Passivrauchen
Passivrauch besteht zu 85 Prozent aus Nebenstromrauch, der bei niedrigeren
Verbrennungstemperaturen entsteht als der Hauptstromrauch und damit mehr
toxische und krebserregende Stoffe enthält8. Heute liegen genügend Erkenntnisse
vor, dass Passivrauchen mit eindeutigen Gesundheitsschäden verbunden ist.
So existieren allein zum Thema Passivrauchen und KHK 19 epidemiologische
Studien, aus denen sich ableiten lässt, dass bei Nie-Rauchern z. B. ein
um 30 Prozent erhöhtes Risiko für eine KHK besteht, wenn sie mit einem
Raucher zusammenleben8. Auch die Lungenkrebsrate ist bei Passivrauchern
um etwa 30 Prozent erhöht gegenüber Nichtrauchern, die nicht exponiert
sind. Weiterhin ist bei Kindern, die passiv Zigarettenrauch ausgesetzt
sind, eine vermehrte Häufigkeit von Infekten im Bereich der Atemwege einschließlich
Pneumonien festgestellt worden.
Bevölkerungsbezogene Auswirkungen des Rauchens
Im Folgenden sollen die Daten über die Auswirkungen des Rauchens auf die
Gesundheit der Bevölkerung („public health“) dargestellt werden. Die wichtigsten
Daten stammen von der Arbeitsgruppe um Doll und Peto aus Großbritannien,
die auch die oben erwähnte britische Ärztestudie durchgeführt hat.
Todesfälle durch Rauchen in Europa
In Tabelle 4 sind auf der Basis der Daten aus dem Jahre 2000 die Todesfälle
durch Rauchen für die oben angeführten wichtigsten Krankheitsgruppen für
Männer und Frauen dargestellt. Im Jahre 2000 starben 156 000 Männer und
34 000 Frauen an Lungenkrebs, das entsprach 91 Prozent bzw. 65 Prozent
aller Todesfälle an Lungenkrebs. Insgesamt starben 190 000 Menschen in
Europa an Lungenkrebs und 285 000 an allen Krebsarten, das entsprach 25
Prozent aller Todesfälle an Krebs. An kardiovaskulären Krankheiten starben
184 000 Menschen durch das Rauchen und an Erkrankungen der Atemwege, insbesondere
der COPD, 113 000. Insgesamt wird die Zahl der Todesfälle durch Rauchen
im Jahre 2000 in Europa (EU 25) auf 656 000 geschätzt, das entspricht
ca. 15 Prozent aller Todesfälle. Für Deutschland wird die Gesamtzahl der
Todesfälle durch Rauchen mit
110 000 angegeben. Andere Schätzungen aus Deutschland liegen sogar bei
143 00011.
Wenn man die Todesfälle durch Rauchen in Europa weiter analysiert, muss
zunächst davon ausgegangen werden, dass die Todesfälle durch die oben
genannten chronischen Krankheiten wie Krebs, COPD und kardiovaskuläre
Krankheiten hervorgerufen werden. Diese treten in der Regel erst nach
einer 20- bis 30-jährigen Raucherkarriere auf. Die Männer begannen schon
zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa mit dem Rauchen und hatten in
den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den höchsten Prozentsatz
an Rauchern (ca. 60 Prozent) erreicht, seitdem ist ein Abfall auf etwa
40 Prozent rauchender Männer in Europa zu verzeichnen. Frauen haben im
Durchschnitt etwa 20 Jahre später als die Männer in Europa mit dem Rauchen
begonnen. Der Höhepunkt des Prozentsatzes der Raucherinnen in Europa war
in den 70er bis 80er Jahren auf etwas niedrigem Niveau als bei den Männern
erreicht, wobei allerdings zwischen den einzelnen Ländern erhebliche Unterschiede
existieren. Seitdem ist der Anteil der Raucherinnen leicht zurückgegangen,
sodass derzeit ebenfalls etwa 30 Prozent der Frauen in Europa rauchen.
 |
| Abb.
1: Todesfälle (TF) durch Rauchen in der EU 25 a) Prozent aller TF,
b) TF in 1 000 pro Jahr (aus 5) |
Die Abbildung 1 muss vor diesem Hintergrund
interpretiert werden. Sie zeigt die Todesfälle durch Rauchen in Europa,
getrennt für Männer und Frauen aufgelistet. Die Abbildung 1 zeigt, dass
23 Prozent aller Männer im Jahr 2000 aufgrund einer Krankheit, die durch
das Rauchen ausgelöst wurde, gestorben sind. Der leichte Rückgang seit
1985 erklärt sich aus dem Rückgang des Prozentsatzes der rauchenden Männer
in den letzten 20-30 Jahren. Bei den Frauen ist der Anteil der Todesfälle
wesentlich geringer und lag 2000 bei 6,6 Prozent. Aufgrund der Erfahrungen
bei den Männern ist zu erwarten, dass in den nächsten 10 bis 20 Jahren
dieser Prozentsatz jedoch weiter erheblich ansteigen wird. Für Deutschland
wurde 2001 geschätzt, dass 25,4 Prozent der Männer und 9,1 Prozent der
Frauen an einer durch das Rauchen verursachten Krankheit vorzeitig starben11,12.
Die Abbildung 2 zeigt die Zusammenhänge in gleicher Weise, jedoch nicht
für alle Todesfälle, sondern nur für die Todesfälle der 35-69-Jährigen.
Es zeigt sich, dass aus dieser Altersgruppe 31 Prozent der Männer und
12 Prozent der Frauen im Jahr 2000 aufgrund einer Erkrankung starben,
die durch das Rauchen verursacht waren. Mehr als jeder 5. Todesfall bei
Erwachsenen unterhalb des 70. Lebensjahres wird durch das Rauchen verursacht!
 |
| Abb.
2: Todesfälle (TF) durch Rauchen in der EU 25 a) Prozentsatz aller
TF, b) TF in 1 000 pro Jahr, für die 35- bis 69-Jährigen (aus 5) |
Erwähnt sei noch, dass die entsprechenden
Darstellungen für die einzelnen EU-Länder in Abhängigkeit von den jeweiligen
Rauchgewohnheiten bei Männern und Frauen in den vergangenen 20-30 Jahren
erhebliche Unterschiede aufweisen. So ist z. B. der Prozentsatz der Todesfälle
durch Rauchen für die 35- bis 69-jährigen Männer in Schweden im Jahre
2000 auf 15 Prozent gefallen. Bei den Frauen betrug er allerdings 16 Prozent
und lag damit höher als im EU-Durchschnitt. Diese Unterschiede erklären
sich damit, dass in Schweden die Häufigkeit des Rauchens bei Männern in
den letzten 30 Jahren deutlich abgenommen hat und mittlerweile bei 19
Prozent liegt, während bei den Frauen wie auch in anderen skandinavischen
Ländern die Häufigkeit des Rauchens in den 60er und 70er Jahren frühzeitiger
und stärker zugenommen hatte als in anderen europäischen Ländern und derzeit
ebenfalls bei 19 Prozent liegt. In Großbritannien lagen die entsprechenden
Zahlen der Todesfälle bei 35- bis 69-Jährigen im Jahre 2000 bei 25 bzw.
21 Prozent, in Frankreich bei 33 Prozent bzw. 6,3 Prozent und Polen bei
38 Prozent bzw. 13 Prozent. Separate Zahlen für Deutschland sind in dieser
europäischen Studie leider nicht aufgeführt.
Morbidität durch Rauchen in Europa
Wie weiter oben dargestellt gibt es eine große Gruppe von Krankheiten,
die mit dem Rauchen assoziiert bzw. durch das Rauchen verursacht sind.
Aus diesen Gründen werden sehr viel mehr Menschen durch das Rauchen geschädigt
als die Mortalitätsstatistiken anzeigen. Die vollständige Krankheitslast,
die durch das Rauchen hervorgerufen wird, ist jedoch schwer zu bestimmen.
Wenn man nur die COPD betrachtet, haben Untersuchungen in Europa gezeigt,
dass wenigstens vier bis sechs Prozent der erwachsenen Bevölkerung an
einer Krankheit leiden, für die Rauchen der einzige wichtige Risikofaktor
ist. Aus einer amerikanischen Studie kann abgeleitet werden, dass die
Krankheitslast durch das Rauchen wahrscheinlich 20-fach größer ist als
die Mortalitätsziffern anzeigen. Somit kann man davon ausgehen, dass 13
Millionen Europäer an ernsten und chronischen Krankheiten leiden, die
durch das Zigarettenrauchen ausgelöst werden. Von dieser Krankheitslast
sind die unteren Sozialschichten stärker betroffen als die oberen, weil
das Rauchen hier häufiger ist und häufiger weitere Risikofaktoren vorliegen.
 |
| Abb.
3: Überlebenskurven für männliche britische Ärzte, die das Rauchen
im Alter von 35-44 Jahren beendeten, im Vergleich zu Rauchern und
Nie-Rauchern (aus 5) |
Nutzen einer Beendigung des Rauchens
Die Beendigung des Rauchens ist überall in Europa mit günstigen, ja dramatischen
Effekten verbunden. Die schon genannte britische Ärztestudie hat in ihrem
50-jährigen Follow-up die Überlebenskurven von Zigarettenrauchern, die
das Rauchen aufgaben, mit solchen verglichen, die weiter rauchten (Abbildung
3). Diejenigen, die vor dem 35. Lebensjahr das Rauchen aufgaben, hatten
eine Überlebenskurve, die sich nicht signifikant von derjenigen unterschied,
die niemals rauchten. Der Effekt einer Beendigung des Rauchens lässt sich
am besten veranschaulichen, wenn man sich, wie in Abbildung 3 dargestellt,
ein bestimmtes Alter ansieht. So sind z. B. im Alter von 70 Jahren in
dieser großen Studie unter den Rauchern nur noch 60 Prozent am Leben im
Vergleich zu mehr als 80 Prozent derjenigen, die das Rauchen bis zum 45.
Lebensjahr aufgegeben hatten. Sogar im Alter von 90 Jahren ist der Unterschied
noch feststellbar. Hier sind nur noch ungefähr fünf Prozent der Raucher
am Leben verglichen mit etwa 25 Prozent, die bis zum Alter von 35 das
Rauchen aufgegeben hatten. Für diejenigen, die sich später zu einem Rauchstopp
entschlossen hatten, zeigt diese Studie Überlebenskurven, die dazwischenliegen.
Sogar ein Rauchstopp im mittleren Alter führt zu einer Lebensverlängerung.
Aus den Arbeiten von Doll, Peto und Mitarbeitern ist weiter abzuleiten,
dass durch einen Rauchstopp das Krankheitsmuster im Laufe der folgenden
20 bis 25 Jahre zum Günstigen hin verändert wird. Deshalb sollten Erwachsene
und insbesondere auch Kinder das Rauchen so schnell wie möglich aufgeben.
Weitere Belege für günstige Effekte durch die Beendigung des Rauchens
gibt es vor allem für Herzkrankheiten und Schlaganfall13. So
sinkt das Exzessrisiko für Herzinfarkt und Schlaganfall innerhalb von
zwei Jahren nach Rauchstopp um etwa 50 Prozent ab.
- nach 20
Stunden CO aus dem Körper eliminiert
- nach drei
Tagen Atmung leichter, weil Bronchien erschlaffen
- nach drei
Monaten Mikrozirkulation verbessert
- nach drei
bis neun Monaten Verbesserung der Lungenfunktion um zehn Prozent
- nach einem
Jahr sinkt Risiko eines Herzinfarktes auf die Hälfte ab
- mehrere
Jahre Rauchstopp vermindern das Risiko für Lungenkrebs, Herzinfarkt,
Schlaganfall, chronische Lungenkrankheiten und andere Krebskrankheiten
entscheiden
|
| Tab.
5: Auswirkungen eines Rauchstopps (US Surgean General’s report 1990) |
Eindrucksvoll wurde der Nutzen einer Beendigung
des Rauchens 1990 im US Surgean General’s report dargestellt (Tabelle
5).
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Aus den dargestellten Daten über Auswirkungen und Ausmaß der Tabakepidemie
ergibt sich ein dramatisches Bild. Im Jahre 2000 starben in Europa 656
000 Menschen an einer durch das Rauchen verursachten Krankheit, insbesondere
am Lungenkrebs und anderen Krebskrankheiten, an kardiovaskulären Krankheiten
und an der chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). Das entspricht
15 Prozent aller Todesfälle. Im Durchschnitt sterben Raucher 14 Jahre
früher als Nichtraucher. Im mittleren Alter (35-69 Jahre) starben 31 Prozent
der Männer und 12 Prozent der Frauen im Jahre 2000 am Zigarettenrauchen.
Das bedeutet, dass 50 Prozent aller Raucher im mittleren Alter an einer
Krankheit sterben, die durch das Rauchen verursacht ist, und dabei durchschnittlich
22 Lebensjahre verlieren. Konkret heißt es dazu in der oben angeführten
aktuellen europäischen Studie: Im Jahre 2000 starben in Europa von 1 000
erwachsenen Rauchern einer durch Mord, sieben durch Autounfälle und 500,
weil sie regelmäßig rauchten. Damit ist das Zigarettenrauchen auch bei
uns der bei weitem wichtigste einzelne krankmachende und todbringende
Faktor, der vermieden werden kann. Um ihn einzudämmen, sind Maßnahmen
der Verhaltensprävention, aber auch der Verhältnisprävention dringend
erforderlich.
Bei der Verhaltensprävention ist sicherlich ein wichtiger Faktor, dass
rauchende Patienten immer wieder von ihren Ärzten auf die Notwendigkeit
der Beendigung des Rauchens angesprochen werden müssen. Um das überzeugend
tun zu können, ist ein Rauchverzicht der Ärzte unabdingbar. Darüber hinaus
sollten sich die Ärzte Kenntnisse über Maßnahmen der Raucherentwöhnung
aneignen, wie sie z. B. von K.-O. Haustein mit der Nikotinersatztherapie
in Erfurt entwickelt wurden14. In diesem Zusammenhang ist auch
erwähnenswert, dass sich am 14. Februar 2005 in Erfurt eine „Ärzte-Initiative
Raucherhilfe“ gegründet hat, die die Ärzteschaft bei dem notwendigen Kampf
gegen das Rauchen unterstützen möchte15.
Die Erfahrungen auch in anderen europäischen Ländern zeigen jedoch, dass
Maßnahmen der Verhaltensprävention ergänzt werden müssen durch Maßnahmen
der Verhältnisprävention, wenn im Kampf gegen das Rauchen in absehbarer
Zeit messbare Erfolge erzielt werden sollen16. Hier sind Politik
und die Medien gefordert, sich beispielsweise für eine Durchsetzung eines
umfassenden Werbeverbots für Zigaretten und Tabakwaren, für eine generelle
Anhebung der Tabaksteuer, für Verwendung der Tabaksteuer (derzeit ca.
elf Milliarden Euro) für die Prävention des Rauchens und zur Behandlung
der Raucherfolgeschäden und für ein effektives Nichtraucherschutzgesetz
mit Rauchverbot in Schulen, Krankenhäusern, öffentlichen Einrichtungen
und am Arbeitsplatz mit entsprechenden Durchführungsbestimmungen und Hilfen
für die Noch-Raucher einzusetzen. Weiterhin sind zu diskutieren die Abschaffung
der Zigarettenautomaten, der Verkauf von Zigaretten nur in Spezialgeschäften
und nur an Erwachsene und wirksame Nichtraucherkampagnen in den Medien.
Von all diesen Maßnahmen ist Deutschland derzeit, wie einleitend gezeigt
wird, weiter entfernt als andere europäische Länder.
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85 - 87, 99084 Erfurt, Tel. 0361/645080, Email: haustein@inr-online.de
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15. Postanschrift:
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16. Haustein KO, Memorandum.
In: Haustein KO (Hrsg). Rauchen und Krebs, Frau und Rauchen, Probleme
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2003 in Erfurt. Organon-Verlag B Conventz, Weinheim 2004; 161 - 162
Prof. Dr. Klaus-Dieter Kolenda, Ostseeklinik Schönberg-Holm, An den Salzwiesen
1, 24217 Schönberg
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